Was macht die Deutschen zu Deutschen?

Der «Nationalcharakter» — das war vor und nach dem Zweiten Weltkrieg eines der zentralen wissenschaftlichen Themen: Was macht den Russen zum Russen, den Deutschen zum Deutschen, den Amerikaner zum Amerikaner?

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Als sich, nach dem Krieg, die Nationen auf eine Ära der friedlichen Zusammenarbeit einrichteten, verschwand auch das Interesse am Nationalcharakter wieder, das Interesse konzentrierte sich jetzt auf Versuche zur Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den Völkern — man ging davon aus, dass die Unterschiede zwischen den Nationen ohnehin verschwänden.

Die folgenden Jahrzehnte haben diese Prognose allerdings nicht bestätigt. Vielmehr hat das Nationalgefühl in vielerlei Hinsicht wieder das Interesse an den Besonderheiten der verschiedenen Völker geweckt. Der Grund dafür ist die Erkenntnis, dass sich Menschen verschiedener Völker in der Tat nach eben den Werten unterscheiden, die einen Teil ihres kulturellen Erbes bilden.

Das Urteil über den Nationalcharakter anderer wird dabei immer von der Kultur gefärbt sein, in der der Beobachter aufgewachsen ist. Bestimmte Grundzüge freilich werden stets auffallen: eben die Grundzüge, die alle Deutschen zu Deutschen, alle Amerikaner zu Amerikanern machen. Was sind nun diese kontinuierlichen Eigenarten, die alle Deutschen verbinden? Worin besteht die Besonderheit der deutschen Kultur und ihrer Organisation?

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Dieses Grundmuster der Aufstellung und Zuordnung von Land und Raum mit Hilfe besonderer Verordnungen zeigt sich auch im Umgang mit der Zeit. Wie jeder Raum von einem besonderen Regelwerk peinlich genau aufgeteilt und beherrscht wird, so wird auch die Zeit von zahlreichen und unterschiedlichen Zeitplänen strikt eingeteilt. Es gibt genaue Arbeitszeiten, Schulstunden und ganz bestimmte Zeiten, zu denen in den Restaurants ganz bestimmte Gerichte zu haben sind. Es gibt sogar generelle Leitpläne (wie etwa das Ladenschlussgesetz), die wiederum die einzelnen Zeitpläne gibt, werden informelle aufgestellt und so genau eingehalten, als seien sie Gesetz. Die Deutschen halten Essenszeiten fast so exakt ein wie U-Bahn-Fahrpläne.

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Zeit und Raum sind in Deutschland von Wert strikter Ordnung durchdrungen. Dieses Ideal zieht sich quer durch die deutschen Wohnungen und Häuser, die Geschäfte, die Regierung, die Freizeit, die Schule. Die Hausfrau will ihr Heim und ihre Kinder in Ordnung halten; der Arbeitsplatz in der Fabrik hat in Ordnung zu sein. Die Klasse des Lehrers, die ganze Lebensführung des Menschen hat in Ordnung zu sein.

Das Konzept der Ordnung ist sowohl Teil des stereotypen Bilds, das Ausländer von Deutschland haben, als auch Teil ihres Erstaunens über die Deutschen. Diese Erzwingung der Ordnung von Zeit und Raum ist eine der größten Leistungen der deutschen Gesellschaft. Sie hat die Bundesrepublik zu einer der führenden Industrienationen gemacht, aber gleichzeitig der deutschen Psyche und Persönlichkeit eine ungeheure Starre aufgezwungen.

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